Was ist Wissen? Wie entsteht es? Wie wird es bewahrt und weitergegeben? Das Forum Wissen am Göttinger Bahnhof ist weit mehr als ein Museum. Hier werden nicht nur Sammlungen der Georg-August-Universität Göttingen ausgestellt, es werden auch Blickwinkel geändert, Austausch entsteht, Beteiligung ist gewollt und Stillstand ist bloß eine Pause in der Bewegung – oder im Denken. Verknüpfungen zu Kunst, Kultur und gesellschaftlichen Themen werden lanciert. Das Forum Wissen lebt von permanenter Weiterentwicklung und öffnet seine Tore für alle interessierten Menschen jeden Alters.
1877 wurde der repräsentative Sandsteinbau an der Göttinger Bahnhofstraße als Domizil für mehrere naturwissenschaftliche Institute der Georg-August-Universität eröffnet. Seit den 1930-er war der Standort dann einzig dem Zoologischen Museum der Universität vorbehalten, um rund 100.000 Tierpräparate aus aller Welt und Studienräume des Zoologischen Instituts zu beherbergen.
2016 begann eine neue Epoche für das altehrwürdige Haus. Mehr als fünf Jahre andauernde Umbauarbeiten machten den Weg frei für das interdisziplinäre Forum Wissen, das 2022 als Universitätsmuseum eröffnet wurde. Dass sich hier Geschichte mit der Gegenwart verbindet, verdeutlicht optisch schon der Metallaufbau mit leuchtend roten Lettern, der auf den historischen Dachfries gesetzt wurde.
„Glücklicherweise wird hier gerade ein Teil der versiegelten Flächen vor dem Gebäude wieder geöffnet und begrünt“, sagt Karsten Heck, Referent Sammlungsmanagement im Forum Wissen, und spielt damit auf die öffentliche Kritik zur Gestaltung der Außenflächen an. Die sollten entsprechend der genehmigten Entwürfe deutlich mehr Bepflanzungen erhalten, die dann allerdings nicht angelegt wurden. Da wird nun von Seiten der Stadt nachgebessert.
Um in das Foyer des Universitätsmuseums zu gelangen, hat man die Wahl: über die Stufen oder barrierefrei mit dem Aufzug. Der Eintritt ist kostenfrei. Zudem werden Videos in Deutscher Gebärdensprache, Raumtexte in Leichter Sprache und eine inklusive Audio-Tour angeboten. „Wir wollen die Schwellenangst vor Wissenschaften nehmen, Transparenz und Verständlichkeit schaffen. Dafür steht das Forum Wissen“, erklärt Karsten Heck. Im Museum dürfen ausgewählte Objekte auch angefasst und selbst geforscht werden. Am einfachsten geht es, wenn die Forum-Wissen-App aus den gängigen Stores heruntergeladen wird und dann über QR-Codes in den jeweiligen Räumen weitere Informationen und neue Anregungen zum Mitmachen abrufbar sind. An den digitalen Tischen und Tafeln ist einiges ganz spielerisch nachzuvollziehen und auszuprobieren. Wer sich in die Angebote vertieft, kann sich stundenlang im Museum aufhalten.
Die App ist aber kein Muss. Wer sich nur einen Überblick zu den rund 70 Sammlungen der Universität verschaffen möchte, findet in den ästhetisch und thematisch sorgfältig durchdachten Ausstellungsräumen ebenfalls anregende Einführungen. „Auch ohne Smartphone ist es möglich, sich inspirieren zu lassen und Zusammenhänge zu verstehen“, verspricht Karsten Heck.
Im Raum „Atelier“ geht es um die Visualisierung von Forschungsthemen. Zahllose Bilder an den Wänden zeugen von der Entwicklung akribisch hergestellter Handzeichnungen früherer Epochen bis zu Teleskopbildern aus dem Weltraum. Das übergroße Modell eines Embryos in einer Glasvitrine, das jahrzehntelang den Studiengängen der Medizin als Anschauungsobjekt diente, drängt zur Frage nach einem grundsätzlichen Recht auf Leben. Dem gegenüber steht die Forderung auf die körperliche Selbstbestimmung der Frau – hier sensibel angedeutet durch die antike Frauenbüste der Titanentochter Leto, die ihren sinnlich-melancholischen Blick auf das Embryomodell richtet.
„In der Wissenschaft geht es auch um Streitkultur. Es ist immer zu hinterfragen, in welchen Zeiten und politischen Kontexten geforscht wird“, erklärt Karsten Heck. Raum für Diskussionen zu aktuellen Streitfragen bietet der Salon, wo Sessel in der Form von großen Seifenblasen zum Platznehmen einladen. Über Sound-Installationen können wie in einer Talkshow Positionen zu verschiedenen Themen bezogen werden.
Wie wird Wissen gesammelt und vermittelt? Wie verknüpfen sich Feldforschungen mit detaillierten Untersuchungen im Labor? Wo trifft Wissenschaft auf Handwerk? Wie werden gesellschaftlich relevante Ergebnisse vermarktet? Wo lässt sich das gesammelte Wissen nachlesen? Und wann scheitert Wissenschaft? All diese Themen lassen sich in den 12 Räumen so vertiefen, dass manche Antworten gefunden werden – oder auch noch mehr Fragen aufkommen, die zum Weiterforschen animieren.
Der Rundgang beginnt mit den Prolog-Räumen, die in drei Prinzipien aufgeteilt sind: Perspektiven, Praktiken und Verknüpfungen. Die Konzeption verweist bereits auf das Selbstverständnis des Museums. Es soll dargestellt werden, wie grundlegend wichtig die Beachtung verschiedener Ansichten und Blickwinkel ist, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Diese dürfen und müssen aber jederzeit erneut hinterfragt werden und sich weiterentwickeln, sei es, weil sie dem Test in der Praxis nicht standhalten, oder weil sie den jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Verknüpfungen nicht mehr entsprechen. Als Beispiele nennt Karsten Heck die seit einigen Jahren zunehmend geführte Debatte zur Provenienzforschung, welche die Herkunft und den Besitz von Kunst- und Kulturgütern hinterfragt, aber auch die Rolle der Frau in der Forschung oder Wissenschaft in Diktaturen wie dem Dritten Reich.
In der oberen Etage des Museums führt der Rundgang in die 12 Räume des Wissens. Es empfiehlt sich, einen Moment innezuhalten, um all die Denkanstöße wahrzunehmen, die sich hinter den Exponaten und deren Anordnungen offenbaren. In einem Raum stehen zum Beispiel Schränke aus allen Epochen des Uni-Lebens. Sie verwahren nicht nur Dinge und Ideen, sondern sie symbolisieren auch die Ordnung als eine wichtige Komponente der Wissenschaft, die hilft, den Überblick zu behalten.
In einem weiteren Raum wird der Mensch quasi geschrumpft. Überdimensional sind Notizblock, Laptop, Bücher, Ordner und Stifte auf einem begehbaren Schreibtisch angeordnet. Die Idee dahinter: Auch die spannendsten Forschungsergebnisse können nur Beachtung finden, wenn sie schriftlich aufgezeichnet und veröffentlicht werden. Und wie klein bleibt wohl ein einzelner Mensch hinter seinen vielleicht weitreichenden und gesellschaftsverändernden Erkenntnissen?
Das Forum Wissen spricht mit den Angeboten gleichermaßen Familien mit Kindern, Schulklassen, Gruppen, Einzelpersonen, Forschende und internationale Gäste an. „Im ersten Jahr hatten wir rund 60.000 Besucher*innen, zu Stoßzeiten vierstellige Besucherzahlen, und auch an Wochentagen nie unter 100 Gäste“, beschreibt Karsten Heck den bisherigen Erfolg.
Darauf ruht sich jedoch niemand aus. Für die kommenden Jahre ist noch viel geplant. So wird im Obergeschoss des Gebäudes an der Bahnhofstraße das Biodiversitätsmuseum einziehen und im Nordflügel das Thomas-Oppermann-Kulturforum. Ein Hörsaal mit 250 Plätzen und ein Bühnensaal für bis zu 120 Gäste soll Möglichkeiten für den Austausch zwischen Wissenschaft, Kultur und Öffentlichkeit bieten. „Bisher haben wir als Veranstaltungsorte nur das Café sowie den Raum für Sonderausstellungen. Mit den Erweiterungen können wir vermehrt Seminare, Workshops und Kulturveranstaltungen anbieten“, erklärt Karsten Heck. Allerdings werde es bis zur Fertigstellung der Erweiterungen noch einige Jahre dauern.
Aktuelle Informationen findet ihr bei kulturis und auf forum-wissen.de. Ab dem 26. Oktober 2023 präsentiert das Forum Wissen die Sonderausstellung „Digitaler Wald – eine digitale Reise in die Klimaforschung“.
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Im Artikel genannt
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Forum Wissen
Biodiversitätsmuseum Göttingen
ehemals Zoologisches Museum – Wiedereröffnung 2025
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