„Diese vielen spannenden und berührenden Geschichten wollte ich bewahren.“

Über das Projekt „Maskierte Zeiten – Kunst hinter Corona“

Share
Veröffentlichungsdatum

Welche Erfahrungen machten regionale Künster:innen während der Corona-Pandemie? Wie finanzierten sie sich, wie und wo arbeiteten sie, und wie nahmen sie die gesellschaftliche Entwicklung wahr?

Diesen Themen widmeten sich die Fotografin Dorothea Heise und der Journalist Ulrich Drees in 30 atmosphärischen Portraitfotografien und ausführlichen Gesprächen. Ab Ende September werden die Portraits im öffentlichen Raum in Göttingen und Südniedersachsen – in Bushaltestellen, Innenstädten und gesammelt im GDA Wohnstift und während des „DenkmalKunst – KunstDenkmal“-Festivals in Hann. Münden ausgestellt. Parallel dazu sind die Gespräche und weitere Fotos auf kulturis.online, der neuen Kulturwebsite des Landschaftsverbandes Südniedersachsen sowie als Podcasts, abrufbar.

Mit der Eröffnung einer Sammelausstellung im GDA Wohnstift in Göttingen und dem Beginn der Präsentation der Plakatportraits des „Maskierte Zeiten“-Projekts im öffentlichen Raum geht das Projekt nun in seine zweite Phase. Seine Anfänge lagen bereits im ersten Corona-Jahr.

„Ohne Kunst wird’s still.“ Dieser Satz wurde während der Corona-Pandemie zum geflügelten Wort. Aber Künstler:innen waren nicht nur vom Wegfall aller Aufträge, den Schließungen von Kulturbetrieben, von Auftrittsverboten, wenig effektiven Hilfspaketen und von mangelnder „Systemrelevanz“ betroffen, für viele ging es auch darum, ob sie sich weiter einen Beruf leisten wollten, mit dem sie plötzlich und unverschuldet ihre Rechnungen nicht mehr würden bezahlen können.

Diese Menschen waren es, die Dorothea Heise zu „Maskierte Zeiten – Kunst hinter Corona“ inspirierten. „Besonders in den ersten Monaten der Pandemie hörte ich so viele spannende und berührende Geschichten zu diesen Themen“, erinnert sich die Göttinger Fotografin, „dass mich der Gedanke nicht mehr losließ, solche Erinnerungen bewahren zu wollen.“

Gerade jenseits der Stars, deren Prominenz ihnen weiter Aufmerksamkeit garantierte, und deren finanzielle Situation selten prekär wurde, betraf Corona nämlich in der Masse vor allem den „unsichtbaren“ Teil des Eisbergs Kulturschaffender. Die Musiker:innen auf den kleinen Bühnen, die sich bis heute nicht wieder richtig gefüllt haben, die Maler:innen, die ihre Werke plötzlich nicht mehr ausstellen konnten, und die Menschen aus der freien Theaterszene, denen ihre Auftrittsorte verwehrt blieben.

Nachdem Dorothea Heise ihre Idee bis zum Grobkonzept entwickelt hatte, kontaktierte sie im Herbst 2021 den Journalisten Ulrich Drees, der sofort begeistert war. Aus dieser Kooperation entstand das gemeinsame Projekt „Maskierte Zeit – Kunst hinter Corona“, das die beiden seit Anfang 2022 mit Fördermitteln des Landes Niedersachsen, des Landschaftsverbandes Südniedersachsen, der Stadt Göttingen und mit der Unterstützung von Schwarz-Außenwerbung aus Konstanz umgesetzt haben.

Manchmal entstanden die Bilder an fünf unterschiedlichen Locations weil immer wieder neue Ideen entstanden.

 

Die Portraits

„Maskierte Zeit“ besteht aus zwei eng verbundenen Komponenten. Das sind zum einen die atmosphärischen Portraitfotos von Dorothea Heise. Die erfahrene Fotografin war viele Jahre am Deutschen Theater tätig und arbeitet aktuell u. a. für das Junge Theater und die Internationalen Händelfestspiele Göttingen.

Für „Maskierte Zeiten“ entstanden in oft stundenlangen Fotoshootings intensive Bilder. Portraits, die Menschen zeigen, die sich trotz vieler Herausforderungen leidenschaftlich ihren Berufen widmen und dies auch angesichts der Pandemie weiter tun wollen.

„In den Vorgesprächen und dem ersten Kennenlernen ging es darum, wo sich die Künstler:innen während der Pandemie selbst verortet hatten“, erinnert sich Dorothea Heise. „Es sollten keine „klassische Portraits“ werden. Ich habe bewusst auf alle Vorgaben verzichtet. So suchten beispielsweise auch die Kulturschaffenden selbst die Locations aus, Orte, mit denen sie persönlich etwas verbindet.“

Am Ende fotografierte sie in privaten Räumen, an individuellen Lieblingsstellen in der Natur, auf Großbaustellen, in einem stillgelegten Schlachthof oder einem uralten Fachwerkhaus, das sich gerade im liebevoll gestalteten Wiederaufbau befindet. Die Künstler:innen setzten sich nach ihren ganz eigenen Vorstellungen in Szene. Eine Künstlerin bestand darauf, völlig unscharf abgebildet zu werden, weil ihr Pandemie-Thema eben die „Unschärfe“ war. „Manchmal entstanden die Bilder an fünf unterschiedlichen Locations“, beschreibt Dorothea Heise, „weil immer wieder neue Ideen entstanden. Es ist schade, dass es für die Künstler:innnen jeweils nur ein Motiv geben konnte.“

Das von Dorothea Heise, die auch Dipl.-Medienpädagogin ist und seit vielen Jahren auch grafisch arbeitet, gestaltete Layout der Plakate ist bewusst reduziert, um sich von gängigen, sehr ausgefüllten Formaten abzuheben. Auf jedem der Plakate finden sich neben den Fotos auch ein kurzes Zitat und ein intuitives Wort, dass die Erfahrungen der Teilnehmenden aufgreift. Über QR-Codes auf den Plakaten gelangt man außerdem zu den auf kulturis.online abrufbaren Gesprächsaufnahmen.

Gezeigt werden die großformatigen Plakate in diesem Herbst im öffentlichen Raum Südniedersachsens: in den Seitenflächen von Bushaltestellen in der Stadt Göttingen und in Schaufenstern und anderen frei zugänglichen Orten in den Mittelzentren der Region.

In ihrer Gesamtheit sind die Plakate in ebenfalls kostenfreien Ausstellungen vom 26.09. bis 25.11.2022 im GDA-Wohnstift Göttingen und im Rahmen des „DenkmalKunst – KunstDenkmal“-Festivals vom 01.10. bis zum 09.10. im Packhof in Hann. Münden zu sehen.

 

Mir war wichtig, bewusst über das rein journalistische Format hinauszugehen und nichts zu schneiden.

Die Gespräche

Den zweiten Teil des Projekts bilden jeweils einstündige Gespräche, die Ulrich Drees mit den Künstler:innen führte. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Chefredakteur des Charakter-Magazins engagiert sich der Journalist seit langem im STELLWERK e.V. für die regionale Kultur- und Kreativwirtschaft.

Für seine authentischen Unterhaltungen traf er die Künstler:innen in Göttinger Ateliers, Büros, Wohnungen und an der musa, in Northeim, Hann. Münden, im Naturschutzgebiet Solling-Vogler und an anderen Orten der Region, wo er sich bewusst Zeit ließ, um sich immer wieder neu auf seine Gesprächspartner:innen einzulassen.

„Eine Stunde Zeit zu haben, bedeutet nicht nur, den Dingen auf den Grund zu gehen. Es bietet auch Zeit für Überraschungen, Lachen und spannende Abschweifungen“, beschreibt der Journalist. „Dabei war mir wichtig, bewusst über das rein journalistische Format hinauszugehen und nichts zu schneiden. Besonders spannend wurde es dann dort, wo meine Gesprächspartner:innen sich öffneten, die Aufnahmetechnik in den Hintergrund rückte und sie unverblümt von ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihrer Sicht auf die Welt erzählten.“

So gerieten die tatsächlich ungeschnittenen Gespräche zu weit mehr als einer Corona-Retrospektive. Sie erzählen davon, wie und wovon die in der Regel soloselbstständigen Künstler:innen leben. Warum sie sich für ihre Berufe entschieden haben und immer wieder neu entscheiden. Von den Unwägbarkeiten, die immer dazugehören. Von Kreativität und Flexibilität, von Rückzug und Zorn. Sie geben einen Einblick darin, wie diese Menschen sich selbst und die Gesellschaft wahrnehmen. Die Pandemie und ihre Folgen waren dabei für die Interviewten ebenso oft ihre härteste Herausforderung wie der Anstoß zu Neuem.

Insgesamt geriet „Maskierte Zeiten – Kunst hinter Corona“ so zu weit mehr als einer Dokumentation der Folgen der Pandemie für die regionale Kunst- und Kulturszene Südniedersachsens. Sowohl die fotografischen Portraits als auch die intensiven Gespräche bieten einen seltenen und spannenden Einblick in das Leben von Menschen, deren tägliche Arbeit den wohl wichtigsten Klebstoff einer Gesellschaft bildet, deren Zusammenhalt aktuell von vielen Seiten her bedroht ist.

 

die Ausstellung im GDA Göttingen

Wer alle 30 Motive des „Maskierte Zeiten“-Projekts an einem Ort sehen möchte, hat dazu vom 26.09. bis zum 25.11.2022 im Zuge einer durchgängig frei zugänglichen Ausstellung im GDA Wohnstift in Göttingen in der Charlottenburger Straße 19 Gelegenheit. Im GDA gilt für Besucher Masken- und Testpflicht. Ein Testzentrum ist vor Ort geöffnet.

 

die Ausstellung im Packhof Hann. Münden

Auch während des diesjährigen „DenkmalKunst – KunstDenkmal“-Festivals in Hann. Münden wird eine Gesamtausstellung gezeigt. Diese wird vom 01.10. bis zum 09.10. (Öffnungsz.: 01-08.10. 11-17 Uhr / 09.10. 11-16 Uhr) im Verlauf des sehenswerten Festivals in der historischen Altstadt Hann. Mündens im Erdgeschoss des Baudenkmals Packhofs – Ecke Wanfrieder Schlagd/Lohstraße – in Hann. Münden gezeigt.

 

die Gespräche auf kulturis.online

Alle Audioaufnahmen sind im kulturis-Magazin abrufbar, wo darüber hinaus weitere Portraitbilder und kurze Profiltexte zu den teilnehmenden Künstler:innen zu finden sind.

„Maskierte Zeiten“ gibt es als Podcast auch hier: und als RSS-Feed

Autor:in

Moritz Steinhauer

kulturis Projektleiter und begeisterter Kulturmanager

Fokus

Fokus

Im Artikel genannt

Im Artikel genannt
Bild
Norika Wacker trägt eine FFP2-Maske und hält einen rosa Ballon in der Hand. Sie hat eine rote Clownsnase auf ihrer FFP2-Maske.

Ausstellung „Maskierte Zeiten“

Wie haben regionale Kulturschaffende die „Maskierte Zeit“ der Corona-Pandemie erlebt? Dieser Fragestellung gehen die Fotografin Dorothea Heise mit atmosphärischen Portraits und der Journalist Ulrich Drees in intensiven Gesprächen auf den Grund. Sie portraitierten im Rahmen des Projekts „Maskierte...